Baikalrundbahn

Nach meiner Rückkehr nach Irkutsk fuhr ich wieder nach Listvjanka. Diesmal wanderte ich allerdings von dort aus in die westliche Richtung. 

Schon vor der Revolution, im Jahre 1906, wollte man eine Eisenbahnlinie um den Baikal-See bauen. Das war damals eine gewaltige technische Herausforderung. Die aufwendigste Strecke ist 90 Kilometer lang. Sie besteht unter anderem aus 470 großen und kleinen Brücken und 40 Tunneln, deren Gesamtlänge fast 10 Kilometer beträgt. Für einen einzigen Tunnel hat man beispielsweise 17403 kg Dynamit benötigt. Es ist bis heute die komplexeste Eisenbahnstrecke Russlands.

Wegen regelmäßigen Bergstürzen wird die Bahnstrecke heute nur sehr begrenzt benützt. Für den normalen Zugverkehr gibt es eine neue Eisenbahnlinie aus der Sowjetzeit. Die alte Strecke aus der Zarenzeit wurde zu einer Touristen - Attraktion. Aus zwei Gleisen wurde eines gemacht und die wenigen Züge fahren eine Geschwindigkeit von ca. 30 km/h. Heute ist sie sehr beliebt bei Wanderern.

Wie es bei mir mittlerweile üblich ist, starte ich meine Wanderung erst gegen Nachmittag. Ich mache mir Sorgen wegen der kalten Nächte und plane deswegen für die komplette Strecke drei Tage ein. Im Gegensatz zum "Great Baykal Trail" schätzte ich die bevorstehende Wanderung als relativ leicht ein, was sich nachher als Fehler herausstellen sollte. Die Wanderung verläuft auf der Bahntrasse. Allerdings ist der Abstand zwischen zwei Querbalken zu klein für einen Schritt. Der zwischen drei Balken ist zu groß. Außerdem sind die Abstände nicht gleichmäßig. Und die Steine zwischen den Balken sind groß und lagern zu lose für einen bequemen Schritt und machen schnell die Schuhe kaputt. Erst nach vielen Stunden konnte ich mich einigermaßen daran gewöhnen und fand den richtigen Rhythmus.

Wegen der Kälte wollte ich von Anfang an richtig Gas geben und jeden Tag bis zur Dämmerung marschieren. Nach ca. 2,5 Stunden traf ich zum ersten Mal andere Wanderer. Sie waren zu viert: zwei russische Ehepaare. Ich begrüßte sie und nach einem kurzen Gespräch luden sie mich zum Abendessen ein. An diesem Abend aßen wir leckere Suppe und tranken einen selbstgebrannten Schnaps. Anschließend sangen wir gemeinsam russische Lieder. Durch dieses Treffen schaffte ich an diesem Tag nur 12 Kilometer. Meine neuen Bekannten wanderten in die Gegenrichtung. Dementsprechend waren sie mit der Strecke fast fertig. Sie trugen sehr viele Lebensmittel und Geschirr mit sich, sodass ihre Rücksäcke deutlich über 20 Kilo wogen. Dadurch kamen sie recht langsam voran und benötigten insgesamt 4,5 Tage für die Route.

In der Nacht hatte sich der Wind gedreht. Ich schätze, dass es um 0 Grad war. Ich konnte kaum schlafen, sodass ich am nächsten Morgen die Reise abbrechen wollte. Nach einem leckeren Frühstück wagte ich dennoch einen letzen Versuch, die gesamte Strecke zu wandern. Bei dieser Kälte traute ich mir allerdings nur noch eine Übernachtung im Zelt unter diesen Bedingungen zu. Dies bedeutete, dass ich mindestens 40 Kilometer an diesem Tag schaffen musste.

Besonders beeindruckend waren die langen Tunnel. Es ist dort stockdunkel. Man sieht kein Licht, weder von vorne noch von hinten. Es ist bitterkalt, die Luft sehr feucht und an manchen Stellen tropft von oben Wasser. In vielen Tunnel fühlte ich mich richtig unwohl.

Ich schaffte tatsächlich 40 Kilometer an diesem Tag und konnte kaum noch stehen. Und in der Nacht regnete es und es war wieder sehr kalt. Am Morgen hatte ich die ersten Symptome einer Erkältung.

Es blieben noch 35 Kilometer. An diesem Tag sah ich den ersten Viadukt und lief durch die längsten Tunnel. Da ich um 5 Uhr morgens gestartet war, erreichte ich das Ziel bereits am frühen Nachmittag. Dort, am anderen Ende der Strecke, waren viele Touristen unterwegs und sogar große Gruppen von Schulkindern. Wenn ich allerdings so viele Menschen treffe, spreche ich sie viel seltener und weniger gerne an. Ich beobachte, dass es den anderen genau so geht. Deswegen bevorzuge ich die weniger dicht begangenen Pfade.

Die nächste Woche musste ich gegen meinen Schnupfen kämpfen. Am ersten Tag nach der Rückkehr fühlte ich mich sehr krank. Aber schon am Tag darauf wurde ich auf eine kleine Tageswanderung eingeladen. Dies passierte von alleine über die App "Couchsurfer". Ein Einheimischer hat mich selber angeschrieben und eingeladen. (Ich kann die App nur bestens empfehlen). Ich habe dann meine gesamte Energie genommen und mich wieder auf die Wanderschaft begeben.

Ich möchte an dieser Stelle die Gelegenheit nutzen, um den Fernzugverkehr in Russland zu loben. Ich verbrachte mittlerweile über 100 Stunden in Zügen. Während dieser Zeit erlebte ich keine einzige Verspätung, nicht mal um 5 Minuten. Eine Strecke eines Transsibirischen-Zuges dauert vier Tage. 

Jede Haltestelle wird mit einer Minuten-Genauigkeit angefahren und es gab bis jetzt noch keine einzige technische Störung. In jedem Wagen gibt es einen Zugbegleiter, der sich um die Ordnung und Sauberkeit kümmert. Ein großes Lob an dieser Stelle. Ich habe schon lange nicht mehr so viel gelesen, dank der langen Zugreisen.

Und noch ein Paar Bilder aus der Tour: