Baikalsee

Hurra, ich bin am Baikal-See angekommen. Ich fange aber lieber von vorne an. Vor einer Woche, in der Nacht vom Samstag auf Sonntag, landete mein Flugzeug in Irkutsk. Ich bin sehr positiv überrascht über die Stadt. Sauber, schön, mit sehr vielen Museen und Sehenswürdigkeiten. Sogar die Autofahrer halten sehr brav an Zebrastreifen an, was früher nicht selbstverständlich war. Die Menschen sind sehr nett und freundlich. Ich habe zuerst erzählt, dass ich aus Sankt-Petersburg komme. Überraschungsweise hat niemand mir geglaubt. Man meinte, ich bin angekleidet wie ein Amerikaner, sehe aus wie einer aus Kaukasus und spreche mit einem deutlichen Akzent. All das war für mich neu und nun erzähle ich, dass ich aus Deutschland komme. Viele kennen jemanden aus Deutschland. Die anderen haben Neugier. Und so kommt man ins Gespräch.

Ich hatte wenig Zeit in der Stadt und werde sie nochmal besuchen. Am Abend nahm ich den Zug nach Ulan-Ude, Haupstadt von Buryatia. In Russland sind Züge mit Schlafmöglichkeit sehr verbreitet und kosten sehr wenig. Ich mag sie sehr. Man nimmt am Abend einen Zug, kommt am Morgen an und ist frisch für den ganzen Tag.

Ausgestiegen bin ich um 3:30 an einer kleinen Haltestelle in nirgendwo. Es war stockdunkel und der Durchgang zur Station war durch einen Güterzug gesperrt. Es war so lang, dass ich nach einer Weile dadrunter geklettert habe. Eine nette Mitarbeiteten öffnete mir die Halle und ich konnte dort mit Trockenfrüchte aus Uzbekistan frühstücken.

Um 4:30 wurde es etwas heller und ich machte mich auf den Weg. Nach zwei kurzen Nächten fühlte sich eine Strecke von 17 Km ganz schön lang an. Nach circa 3,5 Stunden bin ich an meinem Ziel angekommen - einem alten Kloster direkt am Baikal.

Das erste, was ich merkte - je näher ich an den See herankam, desto kälter es wurde. Der Unterschied war sehr deutlich. In Irkutsk war es am Tag davor richtig heiss. An der Zughaltestelle war es bereits kühl. Am Baikal war es eiskalt. Im Wasser schwamm noch Eis. Ich musste als erstes alles anziehen, was ich dabei hatte. Dafür ist es bis Januar hier deutlich wärmer als in nahliegenden Gegenden. Der See ist sehr schön. Es wird umgangssprachlich oft als Meer bezeichnet und dies nicht ohne Grund. Selbst beim guten Wetter ist die gegenüberliegende Küste oft nicht zu sehen. Es gibt oft starke Wellen und sogar der Strand erinnert eher an ein Meer als an einen See.

Früher dürfte man das Wasser überall bedenkenlos trinken. Heute ist es an der Küste nur mit einer grossen Vorsicht zu geniessen. Der Grund dafür sind Waschmittel und andere Chemikalien, die aus Siedlungen mit Grundwasser in den See gelingen. Weit von Siedlungen oder von der Küste entfernt darf man es heute noch bedenkenlos trinken. Es ist sogar qualitativ äußerst gut. Ich laufe jeden Abend circa einen Kilometer von dem Dorf weg und fühle meine Flasche dort. Anschließend reinige ich es mit einem Wanderfilter.

Nun wohne ich im Kloster. Jeden Tag arbeite ich fünf bis sechs Stunden im Gemüsegarten. Ich verstehe nun, warum unsere Vorfahren weder Fitnessstudios noch Yoga brauchten. Es gibt keine Duschen. Man wäscht sich in einer Banja. Was für ein Vergnügen! Es ist ein grosser Unterschied, ob man nur spaßeshalber Saune besucht oder nach einer langen Arbeit im Garten in eine frisch duftende Banja geht. Mit dem Essen geht es genauso. Man isst nichts zwischendurch und verbringt den Ganzen Tag draussen beim arbeiten. Nachher meint man, es gäbe nichts leckereres als das schlichteste Essen, das man hier bekommt.

Im Kloster wohnen vier Mönche. Noch circa 10 Menschen wohnen hier wie ich. Manche wohnen hier schon seit mehrere Jahre. Es gibt auch ein Paar Kinder, die im Kloster wohnen und zur Schule gehen. Jeder darf in ein Kloster kommen um dort zu wohnen. Die einzige Voraussetzung - man soll am Leben im Kloster teilnehmen. Dafür muss man orthodox sein oder einer werden wollen. Vor kurzem verbrachte ein Deutscher hier ein Paar Tage. Das war leider vor mir. Über die Hälfte der Menschen, die hier im Kloster wohnen, haben kriminelle Vergangenheit. Dies macht sich höchstens an einem Tattoo oder einer Narbe bemerkbar. Alle sind gleichermaßen freundlich und hilfsbereit. Momentan gibt es Krise in Russland und wenn man im Gefängnis saß, hat man so gut wie keine Chance eine Arbeitstelle zu finden. Hier wird niemand nach seiner Vergangenheit beurteilt und jeder ist eingeladen.

Die Regeln sind nur auf dem Papier streng. In Wirklichkeit handelt jeder nach eigenem Gewissen. Es wird auch sehr vieles verzeiht. Der Klostervorsteher wohnt in einem Zimmer wie meins und arbeiten im Gemüsegarten daneben. Und das, obwohl er kranke Knie hat und hinkt (sehr verbreitete Krankheit bei den orthodoxen Priester, kommt vom Stehen). Ich würde die durchschnittliche Arbeitszeit im Sommer mit circa vier Stunden pro Tag einschätzen. Im Winter sind es noch weniger.

Hier wohnen sehr viele interessante ungewöhnliche Menschen. Einer zum Beispiel kam hierhin zu Fuss aus China (er selber stammt aus Russland). Und dies ohne Geld und Fremdsprachenkenntnisse. Er hatte nicht mal irgendwelche Wanderausrüstung und wohnt mittlerweile seit zweieinhalb Jahre hier. Ich hatte einen sehr spannenden Gespräch mit ihm. Man erfährt hier Sachen, mit denen man sonst nie in Berührung kommt.

Gestern war hier eine Amerikanerin aus Östereich, Lisa Rosenblatt. Sie reist seit einer Woche am Baikal mit ihrem Fahrrad. Sie spricht Englisch und Deutsch und kommt bis jetzt sehr gut klar. Sie hat bereits viele kleine Dorfe besucht und übernachtete bei Menschen, einmal in einer Schule und sonst in Hostels. Es war ein sehr interessantes Treffen mit viel Austausch.

to be continued...